Leseprobe

…und eines Tages kam der GIST

Novgorod – Das Grauen hat einen Namen

Im Herbst 2012 waren wir, meine Frau und ich, von den Kindern zu einem Besuch im Hansapark an der Ostsee eingeladen worden. Es gibt dort Attraktionen für jeden Geschmack und jedes Alter. Es gibt von der ruhigen Fahrt in einem Boot durch Blumenfelder oder diversen Schaukelvarianten auch viele weitere Möglichkeiten, mit mehr oder weniger großem Kick seine Zeit zu vertreiben. Ein Fahrgeschäft aber hatte es den Enkelkindern, der Schwiegertochter und mir besonders angetan. Meine Frau hatte schon von weitem, als sie erkannte, wo wir hinwollten, erklärt, dass sie da nicht einsteigt. Dabei hatte sie, wie ich auch erst nach der ersten Fahrt feststellte, den größten Nervenkitzel noch nicht sehen können. Dieser grauenvolle Abschluss findet versteckt im Dunkeln statt.
Normalerweise kehrt niemand an den Ort zurück, an dem er dem Grauen nochmal von der Schippe gesprungen ist. Der Kataplektor – wohl ein Kunstwort aus Katapult, Elektro und Motor – aber macht süchtig. Leider scheint es anderen Personen auch so zu gehen und so kommt es, dass man für den Nervenkitzel bis zur Grenze des Erträglichen manchmal ein Viertelstündchen oder auch länger in der Schlange stehen muss. Andererseits braucht man sich nicht zu langweilen. Auf dem Zugangsweg gibt es immer wieder was zu sehen und erleben. Erst wenn man an der Stelle ist, wo der gusseiserne Kronleuchter drohend über der Menschenschlange ächzt und wackelt, hat man es fast geschafft. Noch eine Biegung in dem dunklen Gang und man sieht tatsächlich das Gefährt, mit dem man kurz darauf katapultartig ins Ungewisse geschossen wird. Der Wagen besitzt zwei Sitzreihen mit je vier Plätzen, so dass immer acht Personen gleichzeitig einen Start in eine kurvenreiche Berg- und Talfahrt (beim ersten Mal) wagen.


Ich habe die Personen in der vorderen Sitzreihe aus Datenschutzgründen ausgeblendet. In der zweiten Reihe sitzen von links nach rechts die Schwiegertochter und unsere beiden Enkeltöchter.
Rechts sitze ich, winke und versuche zu Lachen,
aber da wir uns gerade im Absturz befinden, gelingt das nur mühsam.

Kaum ist der Haltebügel verriegelt, bleibt nur noch wenig Zeit für ein Stoßgebet. Zweimal ein paar Meter Fahrt mit jeweiligem kurzem Stopp an Gestalten aus dem frühen Mittelalter und der absolute Kick beginnt! Die Fahrt setzt sich dann mit einem Katapultstart und rotem Blitzlicht fort. In 1,4 Sekunden sind acht todesmutige Mitfahrer auf knapp 100 km/h beschleunigt und bevor Sie den Start richtig mitbekommen haben, wird auch gleich geschossen. Nicht mit Kanonen und nicht auf Spatzen. Nein, eine Kamera nimmt die mehr oder weniger verzerrten Gesichter als Beweis der Todesmutigkeit auf. Und sofort geht es schwindelerregend schnell steil nach unten. Noch ist es dunkel um uns herum und man ahnt nicht, dass es gleich danach über 30 Meter fast senkrecht nach oben geht. Erst danach sieht man, worauf man sich eingelassen hat. Vor einem liegt ein langgezogenes mehrfach gewundenes Schienenband in Form eines großen Seemannsknotens, dass man in atemberaubender Geschwindigkeit, in allen möglichen Lagen – auch kopfüber – überwinden wird. Keine Angst, auch von der zweiten Sitzreihe aus hat man einen tollen Blick über die vor einem liegende Strecke – bis es wieder dunkel wird. Wer glaubt, dass dann alles überstanden ist, hat sich getäuscht. Obwohl eigentlich der zurück gelegte Teil der Fahrt kaum zu übertreffen ist, macht der Hansapark und die Erbauer des Kataplektor das Unmögliche möglich.
Den Verlauf des letzten Teils der Reise möchte ich aber nicht verraten. Jeder soll ihn mit Hochspannung und lautstarkem Herzklopfen selbst erleben. Ich hoffe nur, dass ich wegen dieses kurzen Berichtes hier beim nächsten Besuch nicht deutlich länger auf die nächste Fahrt warten muss, nur weil jetzt andere auch süchtig geworden sind. Viel Nervenkitzel und ein tolles Erlebnis ist garantiert.

Hinweis: Im Buch kann man auch den Rest der Reise nachlesen, wenn man wirklich nie vorhat, den Kataplektor selbst zu besuchen. Ansonsten sollte man sich die Spannung nicht nehmen lassen, und den letzten Absatz nicht lesen.